Was sind Bewertungsreserven ?

Veröffentlicht 2014-05-09

Dieser Tage wird viel über die Bewertungsreserven von Kapitallebensversicherungen berichtet. Wir - als Inhaber von Policen im Wert von mehreren Millionen Euro - erläutern diese Beteiligung aus dem Blickwinkel eines professionellen Versicherungsnehmers - aus Ihrem Blickwinkel. Ist es clever, seinen Vertrag wegen der Mitnahme der Bewertungsreserven schnell zu kündigen oder zu verkaufen?

1) Risikoschutz
Die erste Frage die sich stellt: Benötige ich die Sicherheit, die der Risikoschutz meiner Police bietet weiterhin? Wer diese Frage mit "Ja" beantwortet, kann seinen Vertrag zumindest im Hinblick auf die vorliegende Fragestellung getrost fortführen und sollte sich vom Thema Bewertungsreserven nicht irritieren lassen.

Mit Ihrem Vertrag können Sie, je nach Ausprägung, drei Arten von besonders wertvollem Risikoschutz besitzen:

  • Erstens, die Absicherung Ihrer Hinterbliebenen im Falle des Ablebens. Dabei spielt die Todesursache meist keine große Rolle. Die Versicherungsgesellschaft zahlt eine Summe aus, die häufig deutlich über dem aktuellen Rückkaufwert liegt.
  • Zweitens, eine Absicherung im Falle einer Berufsunfähigkeit. In diesem Fall übernimmt der Versicherer die Beitragszahlung und ggf. zahlt er auch zusätzliche eine Rente an Sie aus.
  • Zudem haben Sie bei Rentenversicherungen meist eine lebenslange Rente versichert - dies schützt Sie davor, Ihr Kapital vorzeitig zu verbrauchen - leistet also bei langem Leben Sicherheit und Stabilität.

Wenn Sie sich unsicher sind, was dieser Risikoschutz jeweils kostet, wert ist und ob er noch zu Ihren Ansprüchen passt, empfehlen wir Ihnen, Ihren Versicherungsvertrag von uns analysieren und bewerten zulassen. Mit unserem Wertgutachten erhalten Sie verständliche Antworten auf diese Fragen. Lesen Sie hierzu mehr auf unserer Seite "Lebensversicherung bewerten".

2) Welchen Einfluss haben die Bewertungsreserven auf meinen Vertrag?
Bewertungsreserven können in einigen Fällen mehr als 10% des Rückkaufswertes betragen. Meistens liegt der Anteil deutlich geringer, bei ca. 2% bis 4% des aktuellen Guthabens.

Einen sichtbaren Einfluss haben die Bewertungsreserven nur, wenn vier Aspekte zusammenwirken.

  • der Anteil der Bewertungsreserven am Guthaben Ihrer Police ist beträchtlich
  • der Vertrag besitzt nicht mehr ausreichend Laufzeit, um sich von möglichen Einbußen der Wertentwicklung zu erholen
  • die Bewertungsreserven gehen tatsächlich verloren bzw. die Wahrscheinlichkeit, dass sie verloren gehen ist sehr hoch. Dies ist der Fall wenn sich entweder - wie geplant - die gesetzliche Regelung ändert, oder die Zinsen signifikant steigen
  • es besteht ausreichend Zeit und Handlungsalternativen, um die Bewertungsreserven noch zu retten

Den Aspekt des "verloren gehen" kann man heute als gegeben voraussetzen. Es ist damit zu rechnen, dass mit dem neuen Gesetz ab 11. Juli 2014 bereits große Anteile der Bewertungsreserven für viele Kunden verloren gehen. Weitere Anteile werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Jahreswechsel reduziert. Insofern kommt es darauf an, ob auch die anderen drei Aspekte ausreichend vorliegen, um darüber befinden zu können, ob das Thema für Ihren Vertrag ausreichend Relevanz besitzt.

Wenn Sie sich nicht sicher sind, lassen Sie Ihre Kapitallebensversicherung durch uns bewerten, um genau diese Frage möglichst genau beantworten zu lassen.

3) Was kann ich tun?
Wenn Sie feststellen, dass die Bewertungsreserven keinen hohen Einfluss besitzen (siehe Punkt 2) können Sie Ihren Vertrag zumindest aus diesem Grund mit gutem Gewissen fortführen.

Wenn hingegen der Einfluss der Bewertungsreserven beträchtlich ist, und der Risikoschutz keine wichtige Rolle spielt, kommt die rasche Kündigung des Vertrages in Betracht. Ob Sie allerdings noch rechtzeitig kommt, wird man wohl kaum seriös garantieren können.

Ein Verkauf einer solchen Police kommt meist nicht in Betracht, denn der Vertrag ist durch die hohen variablen Bewertungsreserven und die kurze Restlaufzeit riskant geworden und erfüllt somit nicht die Ankaufkriterien eines seriösen Aufkäufers hinsichtlich Sicherheit, Stabilität, Rendite und Performance.

4) Was sind Bewertungsreserven?
Dieses Thema ist von einigen Artikel der Tagespresse und auch dem Fernsehen bereits vielfach aufgegriffen worden. Wir zitieren an dieser Stelle einen aus unserer Sicht gut recherchierten Beitrag des GDV:

WAS SIND BEWERTUNGSRESERVEN?
Bewertungsreserven sind bilanzielle Buchgewinne von Wertpapieren. Sie entstehen, wenn der aktuelle Marktwert eines Wertpapiers oberhalb des ehemaligen Kaufwertes liegt. Wegen des anhaltenden Niedrigzinsniveaus bestehen derzeit sehr hohe Bewertungsreserven für festverzinsliche Papiere. Da die Versicherer ihre Papiere in der Regel bis zum Ende halten, sind dies jedoch keine tatsächlichen Erträge, sondern Scheinreserven, die sich am Ende wieder auflösen. Der tatsächliche Wert der Zinspapiere besteht in der regulären Ausschüttung der Zinsen von Jahr zu Jahr.

5) Kritische Betrachtung

Was spricht für die Beteiligung an den Bewertungsreserven?
Sie zahlen Beiträge zu Ihrer Lebensversicherung. Mit den sogenannten Sparbeiträgen wurden über Jahre Aktien und andere Investmentpapiere angeschafft. Nun benötigen Sie dringend Geld und müssen Ihren Vertrag kündigen. Die Investmentpapiere stehen mit den Anschaffungskosten in der Bilanz des Versicherers, haben aber aktuell einen deutlich höheren Marktwert. Würde man diese Papiere also gerade jetzt verkaufen, wäre der Erlös deutlich höher als der Bilanzwert. Sie wollen bei einer Kündigung nicht mit dem Bilanzwert "abgespeist" werden, sondern zumindest einen Anteil des höheren Marktwertes haben.

Was spricht dagegen?
Die Diskussion um die Beteiligung an Bewertungsreserven wird vor dem Hintergrund eines Missverständnisses geführt. Bitte lesen Sie dazu die Rubrik "Eine Lebens- oder Rentenversicherung ist kein Sparvertrag!"

Solange die öffentliche Meinung, populistisch beeinflusst, eine Diskussion um Fairness führte, gab es hier kaum angemessene Lösungen. Die faire Beteiligung an Reserven, und die versicherungstechnisch angemessene Verteilung der Risikogewinne über die Generationen hinweg (Generationenausgleich) hat bereits in den Jahren vor der Diskussion um die Bewertungsreserven das Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen (BaFin) überwacht und deren Einhaltung konsequent eingefordert. So geschieht dies für Polizzen in Österreich durch die FinMa (Finanzmarktaufsicht) und in England durch die FSA (Financial Services Authority).

Lediglich in Deutschland entwickelte sich ein derart ausgeprägtes Misstrauen und eine polemische Diskussion, die zu einer nachhaltigen Benachteiligung derer führte, die Ihren Vertrag fortführten. Für alle finanzmathematisch Interessierten geben wir in unserem Artikel "Leserbrief zum Artikel der Wirtschaftswoche" ein konkretes Beispiel zum nachrechnen.

Wichtig: Wenn wir die heutigen Regelungen zu den Bewertungsreserven kritisieren, dann haben wir genau wie die vielen Kunden der Versicherer, ein ausgewogenes Interesse. Als Inhaber von Policen mit einem Guthaben von mehreren Millionen Euro wollen wir natürlich auch hier bei Ablauf und Kündigung gerecht an Reserven beteiligt werden. Gleichzeitig wollen wir aber auch für die Verträge, die noch viele Jahre laufen, eine vergleichsweise faire und akzeptable Situation, die dem Versicherungsgedanken Rechnung trägt. Denn versichert sein ist eben mehr als nur Sparen.

Fazit

In der Abwägung des Für und Wider sagen wir nicht: "Vertraut der BaFin und den Versicherern blind". Es gibt das Instrument der Ombudsmann- und der BaFin-Beschwerde. Daneben gibt es Fachleute - wie wir - die Ihnen helfen, Ihre eigenen Interessen besser durchzusetzen.

Die Versicherungswelt ist jedoch - zu Recht - zu komplex um sie populistisch im Fernsehen zu diskutieren. Selbst Verbraucherschützer und Politiker sind regelmäßig überfordert und führen Diskussionen die inhaltlich deutlich zu wenig Substanz besitzen. Die richtigen Akteure, um das System "Lebensversicherung" im Interesse der Kunden die vorzeitig kündigen, deren Verträge bald und erst in einigen Jahren ablaufen zu beurteilen, sind BaFin, Ombudsmann, unabhängige Aktuarshäuser wie bspw. die Firma RoKoCo und ggf. auch erfahrene Rating-Agenturen wie Assekurata.

Wir plädieren für weniger Stimmungsmache und mehr Inhalt in der Diskussion um Fairness.


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